Weniger Kapital für Start-ups

Mit einem Kommentar von

Andreas Kunz

BANSBACH Startup-Desk

Die Investitionen in die deutsche Gründerszene sind im ersten Halbjahr 2023 um 49 Prozent gesunken. Gefahr einer Pleite-Welle steigt.

Die in der Einladung angepriesene Dachterrasse mit Blick über den Hafen musste geschlossen bleiben: Ein Sommersturm tobte um den Hamburger Büroturm der Großkanzlei Taylor Wessing – geradezu symbolisch für das Thema des Vortrags vor wohlhabenden Investoren und Risikokapitalgebern. Die Juristen informierten vor wenigen Tagen darüber, wie Start-ups wetterfest werden und an Geld kommen, wenn es für sie keine klassischen Finanzierungsrunden mehr gibt. „Finanzierungsalternativen in der Krise“ stellte Top-Jurist Jens Wolf vor: Wandeldarlehen und spezielle Risiko-Kredite sind solche teuren und komplexen Instrumente, Start-ups am Leben zu halten.

Diese Notfall-Instrumente werden immer öfter nötig – und nur selten sprechen Gründer und Geldgeber öffentlich darüber. Denn die Start-up-Blase aus den Jahren 2021/22 ist endgültig geplatzt. Nach außen verbreitet die Szene Optimismus, doch intern herrscht die Furcht davor, dass die Krise zu einer größeren Pleitewelle führen könnte. Die Summe, die Investoren in junge deutsche Wachstumsunternehmen gesteckt haben, ist im ersten Halbjahr 2023 im Vorjahresvergleich um satte 49 Prozent zusammengesackt. Mit gut drei Milliarden Euro liegt der Wert damit zwar wieder auf dem Niveau der Halbjahre vor der Pandemie.

Jedoch müssen sich mehr Start-ups das Geld teilen – für das einzelne Unternehmen bleibt also weniger übrig. Größere Anschlussrunden für diejenigen Start-ups, die in der Euphorie-Phase das reichlich fließende Geld verbrannt haben, sind daher kaum absehbar. Das sind Ergebnisse des „Start-up-Monitors“, den die Beratung EY regelmäßig veröffentlicht. Die Experten erkennen in der viel beachteten Studie einen „deutlichen Dämpfer für die deutsche Start-up-Szene“. „Klar ist, dass die großen geopolitischen Risiken, der hohe Inflationsdruck, das hohe Zinsniveau und die schwache Konjunkturentwicklung zu einem schwierigen Finanzierungsumfeld im Start-up-Ökosystem hierzulande geführt haben“, erklärte EY-Partner Thomas Prüver. Was so abstrakt klingt, hat in der Praxis heftige Folgen. Spätestens seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs ist die Euphorie in der Szene einer Ernüchterung gewichen. Die steigenden Zinsen und die rasant gefallenen Börsenkurse von unprofitablen jungen Unternehmen wie About You und Auto 1 führen dazu, dass die Risikokapitalgeber vor großen neuen Investitionen zurückschrecken – vor allem bei solchen Start-ups, die schon länger am Markt sind, ohne profitabel zu sein. „Wir müssen teilweise 300 Investoren ansprechen, um einen willigen Geldgeber zu finden“, beschrieb Julian Riedlbauer, Deutschlandchef bei der auf Start-up-Kapitalbeschaffung spezialisierten Beratung JP Bullhound, die Lage. Besonders schwierig sei es etwa bei Unternehmen, die an komplexen Technologien arbeiten, oder bei unprofitablen Web-Shops.

Denn wegen der steigenden Zinsen gibt es am Kapitalmarkt eine generelle Neuorientierung vom Wachstum hin zur Profitabilität. Selbst bekannte Unternehmen wie der E-Roller-Anbieter Tier haben daher Stellen gestrichen und die Auslandsexpansion gestoppt, um Verluste einzugrenzen. Es gilt die Devise, mit dem im Boom eingesammelten Geld möglichst so lange auszukommen, bis die Krise überwunden ist – bestenfalls bis zu einem Börsengang oder dem Einstieg eines Konzerns oder Finanzinvestors. Allerdings gelingt das Projekt Bescheidenheit nicht allen Unternehmen. Der Schnelllieferdienst Flink etwa benötigte im Frühjahr 150 Millionen Euro von Bestandsinvestoren wie Rewe, um weitermachen zu können – trotz eines harten Sparprogramms. Bei solchen Runden müssen die Altinvestoren derzeit oft damit leben, dass die frischen Geldgeber zu günstigeren Bedingungen einsteigen können. Sie bekommen also größere Anteile am Unternehmen oder lassen sich zusichern, bevorzugt ausgezahlt zu werden.

Diese in der Szene sogenannten Downrounds galten auch wegen der negativen Publicity bis vor Kurzem als potenziell tödlich für ein Start-up, lassen sich mit zunehmender Dauer der Krise jedoch immer seltener vermeiden. „Downrounds haben nicht mehr den Effekt, dass man ein Unternehmen bereits verabschieden kann“, relativierte Jurist Wolf daher. Dennoch vermeiden die Gründer Abwertungsrunden, wo sie nur können. Entsprechend werden Investmentrunden mit dreistelligen Millionen-Summen aktuell selten: Im abgelaufenen Halbjahr gab es laut der EY-Studie nur noch fünf solcher Mega-Finanzierungen. Das ist nur ein Drittel der Anzahl im Vorjahreszeitraum.

Wie lange die Geldklemme anhält, ist noch ungewiss. EY sieht zwar im Monatsvergleich einen ersten schwachen Aufschwung, doch die Zeiten der Euphorie kehren wohl nicht so schnell zurück. Maßgebliche Köpfe des deutschen Ökosystems wie der Mitgründer der Investment-Firma Project A, Florian Heinemann, gehen inzwischen davon aus, dass die Boomjahre 2020/21 als Ausreißer nach oben in die Start-up-Geschichte eingehen werden. Heinemann rechnet damit, dass sich die Investitionen eher auf dem derzeitigen Niveau stabilisieren werden. Und es geht ja auch noch etwas, wenn das Geschäftsfeld aussichtsreich scheint. Die beiden größten Finanzierungsrunden im ersten Halbjahr mit jeweils 215 Millionen Euro gingen an Unternehmen, die Privathaushalte mit Solarenergie ausrüsten: 1Komma5° aus Hamburg und Enpal aus Berlin. Auf Platz drei folgte der Münchener-Raketenentwickler Isar Aerospace.

Diese geografische Verteilung zeigt, dass die Szene vielfältiger wird. Die bisherige Start-up-Hochburg Berlin verliert im aktuellen Abschwung am meisten an Zuspruch der Geldgeber. Zwar gehen die Summen auch in München, Hamburg und NRW zurück, doch weniger stark: Diese Standorte holen relativ gesehen auf. Experte Prüver sieht darin einen Vorteil: „Es wird spannend zu beobachten sein, ob sich diese Entwicklung fortsetzt. Die Stärke der deutschen Start-up-Szene besteht nicht zuletzt darin, dass es mehrere Hotspots gibt, die unterschiedliche Qualitäten und Schwerpunkte aufweisen.“ So konzentrieren sich etwa die Mobility-Investitionen des Halbjahres stark auf München mit seiner Nähe etwa zu BMW und Mercedes-Benz. Berlin ist hingegen führend in Bereichen wie FinTechs und beim eCommerce, der nach einem starken Einbruch zu Beginn der Krise wieder etwas mehr Geld erhält.

Stärkster Bereich bleibt – trotz deutlicher Einbußen – Software. Investitionen in Energie und nachhaltige Geschäftsmodelle halten sich stabil. Aber allzu häufig zerplatzten die schönen Nachhaltigkeitsvisionen aus den Präsentationen der Start-ups bei einem genaueren Blick auf das Geschäftsmodell.

BANSBACH kommentiert

Weitreichende Unsicherheiten, wie der Ukraine-Krieg und steigende Zinsen, lassen das Kapital der Investoren nicht mehr so locker sitzen, wie noch vor ein bis zwei Jahren. Das haben nicht zuletzt Start-up-Unternehmen erfahren, und erfahren es immer noch. Was nun also wiedererlernt werden muss, ist die Tugend der Sparsamkeit. Vor allem bei Unternehmen, die während der letzten zwei Jahre noch eine „freie Auswahl“ an Geldgebern hatten. Denn die Wunschvorstellung, dass die Zeit unendlich scheinender Investitionsbereitschaft der Geldgeber weiter andauern würde, hat sich nicht bewahrheitet.

Ende 2022 meldete der Schnell-Lieferdienst Flink für seine österreichische Tochter Zahlungsunfähigkeit an; 163 Mitarbeiter sind betroffen. E-Scooter-Anbieter Tier entließ im August 2022 bereits 180 Mitarbeitende, im Januar 2022 weitere 80. Das Unicorn Taxfix entließ vor kurzem 120 Mitarbeitende und verzeichnete einen Verlust von fast 44 Millionen Euro. Das zeigt: Eine Unternehmensplanung, die während des Booms gut aussah, hat sich nun in ein fragiles Fundament verwandelt.

Betrachtet man die Finanzierung deutscher Start-ups der vergangenen Jahre, werden die Ausreißer in 2021 und 2022 gut sichtbar (die nachfolgenden Daten gelten für jeweils das erste Halbjahr eines Jahres):

  • 2015: 2,08 Milliarden Euro
  • 2019: 2,81 Milliarden Euro
  • 2021: 7,58 Milliarden Euro
  • 2022: 6,93 Milliarden Euro
  • 2023: 3,05 Milliarden Euro

Die meisten dieser Finanzierungen gehen nach wie vor in die Software, gefolgt vom Energie-Sektor, Mobilitäts-Unternehmen und eCommerce-Firmen.

Und dennoch: Trotz weniger Finanzierungsmöglichkeiten sind im ersten Halbjahr 2023 16 Prozent mehr Start-ups als im zweiten Halbjahr 2022 gegründet worden. Zusätzlich dazu scheint sich der Markt zu verlagern. Nicht mehr nur Berlin, Hamburg oder München sind für Gründer interessant. Auch Karlsruhe, Darmstadt und Heidelberg zeigen eine hohe Gründungsrate in Relation zur Einwohnerzahl.

Neue Unternehmen, die erst nach der Hochzeit gegründet wurden, sind jetzt im Vorteil. Für sie ist der kleinere Markt die Realität und sie kommen nicht mit aufgeblähten Geschäftsplänen daher.

Ein erneuter Anstieg der Gründungen ist an sich ein positives Signal für den Standort Deutschland, der sonst im internationalen Vergleich anhand vieler Indikatoren zu kränkeln scheint.

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